„Und plötzlich es ist Abend.“ – Wie kommt denn das hierher?
Die leidgeplagten Italiener schaffen es immer wieder, etwas Hoffnung zu bekommen, indem sie sich an ihre kulturellen Schätze erinnern. Davon zeugen die rührenden Konzerte an den Fenstern der italienischen Großstädte, wo man kaum aus der Wohnungstür gehen kann, ohne jemandem über den Weg zu laufen, von dem man mindestens den Corona-Abstand halten muss.
So hat sich die letzten Tage jemand an das kurze – und deshalb wohlbekannte – Gedicht von Salvatore Quasimodo erinnert und es – auf die Corona-Krise bezogen – gedeutet. In voller Länge lautet es:
Ognuno sta solo sul cuor della terra
trafitto da un raggio di sole:
Ed è subito sera.

In einer einfachen Übertragung lautet das Gedicht auf Deutsch:
Jeder befindet sich allein auf dem Herzen der Erde
von einem Sonnenstrahl durchbohrt:
Und plötzlich ist es Abend.
Quasimodo drückt hier das Lebensgefühl der Dichter des Ermetismo aus, dass der Mensch nämlich allein ist und nicht wirklich in der Lage, seinen Mitmenschen seine Befindlichkeit zu kommunizieren.
Dass der Mensch allein ist, ja sehr isoliert sein kann, erfahren viele unserer Mitmenschen in dieser Corona-Zeit. Daher hat der italienische Journalist auch dieses Gedicht in Erinnerung gerufen.
Tröstlich könnte der Sonnenstrahl sein, hätte nicht das gewählte Verb „durchbohren“ auch etwas sehr Verletzendes. Der letzte Vers wird oft dahingehend gedeutet, dass der Abend (der Tod) plötzlich da sein kann.
Wer auf der Suche nach Sinn ist, findet in diesem Gedicht in seiner Schönheit und meisterhaft verdichteten Aussagekraft sicher Trost, denn er weiß, dass viele Menschen mit ihm leiden, und kann sich einer solch kraftvollen Aussage über die Verlorenheit mit vollem Herzen anschließen.
Betrachte es einmal so: Seit die Sünde in diese wunderschöne Welt gekommen ist (ins Herz der Erde), sehnt sich der Mensch nach dem verlorenen Paradies, kann aber nicht mehr wirklich mitteilen, was ihm fehlt. Die Sonne ist wunderschön, das Licht zeigt aber zugleich die Sterblichkeit des Menschen auf, der Tod kann ihn sehr plötzlich ereilen (ed è subito sera).
Paulus schreibt über diese sündenverderbte Welt:
Die gesamte Schöpfung wartet ja sehnsüchtig auf den Tag, an dem die Kinder Gottes in ihrer ganzen Herrlichkeit erkennbar werden. Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden, ohne dass sie etwas dafür kann. Sie musste sich dem beugen, der sie unterworfen hat (und das ist nicht Gott!). Allerdings hat sie eine Hoffnung: Auch die Schöpfung wird von der Versklavung in die Vergänglichkeit zur Herrlichkeit der Kinder Gottes befreit werden. (Römer 8. Verse 19-21)
Wenn du nach der wahren Schönheit dieser Erde suchst, nach Geborgenheit und Wärme, dem verlorenen Paradies und nach dem wahren Sinn unseres Lebens, wenn du dich allein auf dem Herzen der Erde fühlst, der Sonnenstrahl dir wohltut, aber dich auch mit weiterer Sehnsucht erfüllt, dann sehnst du dich vielleicht nach unserem Schöpfer und Vater.
Lieber Gott, du sehnst dich noch vielmehr nach uns und möchtest jeden von uns in seine Arme schließen. Danke, dass du uns nie aufgibst und wir nicht allein sind!